DER LETZTE DER UNGERECHTEN
Film-Nr.: 15046
auf Facebook teilen
Genre: Dokumentarfilme
Genre: Geschichte
Genre: Portrait
zurück

DER LETZTE DER UNGERECHTEN

Le dernier des injustes (Originaltitel)

The last of the unjust (Alternativtitel)

Frankreich, Australien - 2013

DVD - Code 0 - PAL

Regie: Claude Lanzmann
Darsteller: Benjamin Murmelstein, Claude Lanzmann
Drehbuch: Claude Lanzmann

Sprache: Englisch, Deutsch, Französisch
Untertitel: Deutsch
Laufzeit: 210 Min.
Bildformat: 16:9
Features: Audiodeskription für Sehbeeinträchtigte

Bei den Dreharbeiten zu seinem monumentalen Werk über die Shoah hatte Claude Lanzmann 1975 auch mit Benjamin Murmelstein das Gespräch gesucht, der, nach dem 'Anschluß' Österreichs als Rabbiner in Wien zwangsweise zur dortigen Auswanderungsabteilung abbefohlen, nach seiner Deportation ins KZ Theresienstadt als einer der von den Nazis so genannten 'Judenältesten' im neu geschaffenen 'Judenrat' das Leben in diesem Sammellager mit zu organisieren hatte. Seinerzeit aus dem SHOAH-Projekt ausgegliedert, hatte Lanzmann sich in den letzten Jahren entschieden, aus dem ursprünglich elfstündigen Material einen eigenständigen Film zu gestalten, der denn auch ganz überwiegend aus Interviewpassagen zusammenmontiert ist, die den nach dem Kriege als Kollaborateur angefeindeten und, wie er selber zugibt, als Mensch in der Tat wohl nicht einfachen älteren Herr im Blick haben, um ihm Gelegenheit zur Rechtfertigung und Klarstellung zu geben. Lanzmann ist dabei ein zurückhaltender, aber durchaus unbequemer Fragesteller, Murmelstein ein gewiefter, mit allen Wassern gewaschener, hochintelligenter Mann, der es sich als kein geringes Verdienst anrechnet, in Wien die Emigration von über 120.000 Juden verwaltend begleitet zu haben, sich auch zu keiner Zeit darüber hinwegtäuscht, in Theresienstadt einen Pakt mit dem Teufel eingegangen zu sein, als er seine ganze Findigkeit und Schläue - nicht zuletzt auch eine gewisse Härte den Lagerinsassen gegenüber - daransetzen wollte, das Lager auf Vordermann zu trimmen und so den Propagandazwecken zuzuarbeiten ("Der Führer schenkt den Juden eine Stadt"): mit toten Juden sei halt keine Propaganda zu machen gewesen?
Ein von angespannten Stimmungen nicht freies, aber erkennbar versöhnlich gemeintes Ehrenmal für den 1989 in Rom verstorbenen Gelehrten, der das römische Exil offenbar sehr bitter empfunden hat. Viel Geduld und wacher Geist sind für die vier Stunden erforderlich, die aber mit den Innenansichten eines fast aussichtslosen Überlebenskampfes belohnen und zeigen, wieviel Zähigkeit und welche List dazugehörten, um, wie Murmelstein einmal sagt, als Nazi-Marionette die Fäden doch selber zu ziehen, vorgetragen in einem an Gleichnissen reichen, schönen Deutsch mit einem Einschlag, von dem Kundigere sagen mögen, ob es Wienerisch, Böhmisch oder Jiddisch ist? (Stefan Nottelmann)